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Lobbyismus
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Lobbyismus, Lobbying oder Lobbyarbeit ist eine aus dem Englischen (lobbying) Ăźbernommene Bezeichnung fĂźr Interessenvertretung in Politik und Gesellschaft, bei der Interessengruppen (âLobbysâ) â vor allem durch die Pflege persĂśnlicher Verbindungen â versuchen, die Exekutive oder Legislative zu beeinflussen.cite-ref-1[1]cite-ref-2[2] AuĂerdem wirkt Lobbying auf die Ăśffentliche Meinung durch Ăffentlichkeitsarbeit ein. Dies geschieht vor allem mittels der Massenmedien.cite-ref-3[3] Gängige Bezeichnungen fĂźr Lobbyarbeit sind zum Beispiel Public Affairs, politische Kommunikation und Politikberatung. Unternehmen und Organisationen unterhalten bisweilen ein HauptstadtbĂźro oder eine Hauptstadtrepräsentanz, aber auch BĂźros bei den Landesregierungen.
Lobbying ist ein Aspekt des Üffentlichen politischen Entscheidungsprozesses in Demokratien und ist nicht per se eine unmoralische Praxis. Das Herantragen von Interessen an Entscheidungsträger gehÜrt zum Wesensmerkmal parlamentarischer Demokratiecite-ref-4[4] und lässt sich dem intermediären Bereich zwischen Bßrger und Staatcite-ref-5[5] zuordnen. Um Entscheidungen im Gesamtinteresse der Gesellschaft treffen zu kÜnnen, mßssen Politiker sich ßber hochkomplexe Fragestellungen und Inhalte informieren. Dabei sind sie auf gut aufbereitete Informationen und Argumente verschiedener Interessengruppen angewiesen. Vice versa gehen Interessenvertretungen mit den Politikern in den Dialog, um politische Entscheidungsprozesse zu beeinflussen.
Kritisch wird angemerkt, dass Lobbyismus nur bei Einhaltung von regulierenden Verhaltenskodizescite-ref-6[6] oder mĂśglichst groĂer Transparenzcite-ref-7[7] positive Auswirkungen auf die demokratische Qualität eines Staates hat. Insbesondere durch Lobbyismus-Affären (kurz Lobby-Affären) wird das idealtypische Bild von Lobbyismus getrĂźbt. In diesen werden in der Regel Politiker in Machtpositionen von Unternehmen mit Geld bestochen, um Politik im Sinne der Geldgeber zu machen. In solchen Fällen ist Lobbyismus eine Form von Korruption.
Der Begriff Lobbyismus hat daher häufig eine negative Konnotation, sodass die jeweiligen Interessenvertreter (Lobbyisten) selten unter diesem Begriff auftreten, sondern stattdessen euphemistische Bezeichnungen wie Consultant, Public Affairs Manager oder Policy Advisor verwenden.cite-ref-8[8]
Contents
⢠Handelnde
⢠Handlungsfelder
⢠Vorgang
⢠Einflussnahme
⢠Deutschland
⢠Ăsterreich
⢠Schweiz
⢠EU
⢠Fallbeispiele
⢠Kirchen
⢠Autoindustrie
⢠Finanzwirtschaft
⢠Tabakindustrie
⢠Siehe auch
⢠Literatur
⢠Aufsätze
⢠Fallstudien
⢠Weblinks
⢠Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Begriffsgeschichte
Der Begriff geht auf die Lobby (englisch fĂźr âVorhalleâ) des Parlaments (etwa die Lobby vor einem Plenarsaal) zurĂźck â je nach Herkunft des Historikers auf die lobia des rĂśmischen Senats, auf die lobby des britischen Unterhauses oder des US-amerikanischen Kongresses â, in der Vertreter verschiedener Gruppen Parlamentarier an die MĂśglichkeit ihrer Abwahl erinnerten und auch Vor- oder Nachteile fĂźr bestimmtes Verhalten in Aussicht stellten.
Auch wortgeschichtlich knĂźpft der Lobbyismus an seine historischen Vorformen des Antichambrierens (des Suchens von Einfluss im Vorzimmer der Herrschaft) und der schon spätmittelalterlichen Tätigkeit der âHofschranzenâ an. Die leicht negative Bewertung des Begriffs in deutschsprachigen Ländern mag darin (und/oder im Fehlen verbindlicher, Transparenz erzeugender Regeln fĂźr Lobby-Arbeit) ihre Ursache haben.cite-ref-9[9]
Begriffsbestimmung
Ein einheitliches Verständnis des Lobbyismus konnte sich in der wissenschaftlichen Literatur bislang nicht durchsetzen. Noch immer konkurrieren zahlreiche Definitionen, die auf jeweils unterschiedliche Aspekte abstellen. So spricht Rinus van Schendelen Lobbyismus einen gänzlich unorthodoxen Charaktercite-ref-1-10-0[10] zu und verortet diesen ausschlieĂlich auf informeller Ebenecite-ref-2-11-0[11], während GĂźnter Bentele gerade die rechtliche und moralische Normenbindung des Lobbyismus betontcite-ref-12[12] und Leo KiĂler einen Schwerpunkt bei institutionalisierten Einflussformen wie (1) fĂśrmliche[n] Kontakte[n] zwischen Verbänden und ânahestehendenâ Abgeordneten im Rahmen von Arbeitskreisen und Kontaktgruppen in Fraktionen, (2) Abgeordnetensprechstunden, (3) EnquĂŞte-Kommissionen (âŚ) und (4) nicht-Ăśffentliche[n] AnhĂśrungen von Interessenvertretern durch die BundestagsausschĂźsse legt.cite-ref-13[13] Scott Ainsworth wiederum sieht Lobbyisten als Servicestelle politischer Entscheidungsträger, die Informationen bei Bedarf auch Ăźber Nacht bereitstellen,cite-ref-14[14] während Klaus Schubert und Martina Klein die AusĂźbung von Druck als wesentliches Element herausstellen.cite-ref-15[15] Der Lobbyist Andreas Geiger definiert Lobbying als professionelle Praxis, private und Ăśffentliche Interessen vor Gesetzgebern und Entscheidungsträgern zu vertreten, mit dem Hauptziel, Einfluss auf die Regierungsorgane auszuĂźben.cite-ref-16[16]
Nach Analyse von 38 Ansätzen bildet Stefan Schwaneck vier Kategorien, in die Lobbyismusdefinitionen weitgehend eingeordnet werden kÜnnen:
1. Weite Definitionen, die Lobbying grob umreiĂen, seine Erscheinungsformen aber nicht konkretisieren.
2. Kumulative Definitionen, die mindestens zwei der drei Kernelemente Informationsbeschaffung, Informationstausch und Beeinflussung anfĂźhren.
3. Definitionen, die lobbyistische Tätigkeiten explizit erwähnen oder den Lobbyismusbegriff um konkrete Merkmale ergänzen.
4. Alternative Definitionen, die deutlich abweichende Schwerpunkte setzen oder Lobbying auf einzelne Merkmale verkĂźrzen.cite-ref-17[17]
In die erste Kategorie fallen Ansätze wie von Carsten Bockstette, der Lobbyismus als Versuch der Einflussnahme auf Entscheidungsträger durch Dritte definiert.cite-ref-18[18] Eine solche Herangehensweise ist ebenso wie die Gleichsetzung mit Interessenvertretung umstritten, da sie je nach Auslegung auch politikferne Aktivitäten erfassen kann, die gemeinhin nicht mit Lobbying in Verbindung gebracht werden (z. B. Werbung, Public Relations). Stärker fokussiert betrachtet Peter KĂśppl Lobbying als Beeinflussung von politischen Entscheidungen durch Personen, die nicht an diesen Entscheidungen beteiligt sind,cite-ref-19[19] und betont Hans Merkle die zielgerichtete Beeinflussung von Entscheidungsträgern in Politik und Verwaltung.cite-ref-20[20] Ebenfalls in diese Kategorie fällt der Ansatz von Alexander Bilgeri, der Lobbying als eine direkte bzw. indirekte Einflussnahme auf politische Prozesse von Organisationen durch externe Teilnehmer â auch mit Hilfe von Machtgrundlagen â zur Verfolgung eines bestimmten Zwecks beschreibt.cite-ref-21[21]
Kumulative Definitionen legen z. B. Manfred Strauch und Iris Wehrmann vor. Strauch sieht Lobbying als eine Methode und die Anwendung dieser Methode, im Rahmen einer vorzubereitenden oder bereits festgelegten Strategie (âŚ) auf die Entscheidungszentren und Entscheidungsträger einzuwirken, die sich auf die Sammlung, Aufbereitung und den Austausch von Informationen als ihre wichtigsten Instrumente stĂźtzt.cite-ref-22[22] Praktisch orientiert erklärt Wehrmann Lobbyismus zu einem Tauschgeschäft von Informationen und politischer UnterstĂźtzung gegen die BerĂźcksichtigung bestimmter Interessen bei der staatlichen Entscheidungsfindung.cite-ref-23[23]
Ein Beispiel der dritten Kategorie ist der Ansatz von Clive S Thomas, der neben der versuchten Einflussnahme zu einem konkreten Anlass die Vernetzung der Akteure als gleichrangiges Ziel des Lobbyings sieht, da sich persĂśnliche Beziehungen positiv auf zukĂźnftige Entscheidungen auswirken kĂśnnen.cite-ref-24[24] Ăhnlich langfristig definieren Ulrich von Alemann und Rainer Eckert Lobbying als die systematische und kontinuierliche Einflussnahme von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, sozialen oder auch kulturellen Interessen auf den politischen Entscheidungsprozess.cite-ref-25[25]
VerkĂźrzende Definitionen legt Rinus van Schendelen vor, der Lobbyismus in einer Minimalbeschreibung als informellen Informationsaustausch mit BehĂśrden und in einer Maximalbeschreibung als informellen Beeinflussungsversuch von BehĂśrden bezeichnet, dabei aber institutionalisierte Verfahren aus dem Blick lässt.cite-ref-2-11-1[11] Wie auch ein späterer Ansatz van Schendelens, der Lobbyismus als Sammelbegriff fĂźr unorthodoxe Handlungen von Interessengruppen mit dem Ziel eines Regierungshandelns im Interesse eben dieser Interessengruppen einfĂźhrt, lässt dieses Begriffsverständnis Parlamente und Mandatsträger als Zielgruppe lobbyistischer Einflussnahme auĂen vor.cite-ref-1-10-1[10] Auch Thomas Leif und Rudolf Speth reduzieren Lobbying auf die Beeinflussung der Regierung.cite-ref-26[26] Alternative Ansätze, die aus der Ăźbrigen Struktur herausfallen, präsentieren Bruce C Wolpe, der unter Lobbyismus das politische Management von Informationen versteht,cite-ref-27[27] und Rune Jørgen Sørensen, der in Lobbyismus einen Screeningmechanismus fĂźr Wählerinteressen erkennt.cite-ref-28[28]
Vor dem Hintergrund der zahlreichen unterschiedlichen Herangehensweisen schlägt Schwaneck die Verwendung einer weiten Definition vor, die die in der Literatur mit Lobbyismus in Verbindung gebrachten Merkmale erfasst und als Rahmen dienen kann. Studien mit bestimmter Schwerpunktsetzung kÜnnen innerhalb dieses Rahmens verortet, eine engere Definition ßber das Auslassen indirekter Einwirkungsversuche erreicht werden:cite-ref-29[29]
âLobbying bezeichnet direkte und indirekte Versuche von Vertretern gesellschaftlicher Akteure auf politische Entscheidungsträger in Legislative und Exekutive sowie andere am politischen Willensbildungsprozess beteiligte Stakeholder durch Information, argumentative Ăberzeugung oder die AusĂźbung von Druck einzuwirken, um mehr oder weniger partikulare Interessen in Gesetzen oder staatlichem Handeln zu verankern. Der Erwerb, die Analyse und strategische Weitergabe von Informationen, die in formalen wie informellen Kontexten auch gegen politischen Einfluss oder andere relevante Informationen getauscht werden kĂśnnen, sind im Lobbying von elementarer Bedeutung, solange die Grenze zu Korruption oder anderen verbotenen Praktiken nicht Ăźberschritten wird.â
â
Stefan Schwaneck
Handelnde
Unternehmensverbände, Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Kirchen, Nichtregierungsorganisationen und andere Verbände sowie grĂśĂere Unternehmen und politische Gruppierungen bringen ihre Interessen gezielt in den politischen Meinungsbildungsprozess ein und geben ihren Mitgliedern und der Ăffentlichkeit entsprechende Informationen. Diese kĂśnnen sich so auf zu erwartende politische Entscheidungen einstellen.
Es haben sich aber auch Rechtsanwaltskanzleien, PR-Agenturen, Denkfabriken und selbständige Politikberater als externe Lobbyisten darauf spezialisiert, im Interesse ihrer Mandanten, Verbindungen zu vermitteln, Informationen zu beschaffen oder Themen zu platzieren. Rechtsanwaltskanzleien werden zunehmend beauftragt, weil sie sich durch das Berufsgeheimnis vor Journalisten schßtzen kÜnnen.cite-ref-30[30]
Handlungsfelder
Im Wesentlichen gibt es fĂźnf Handlungsfelder, auf denen organisierte Interessen durch Lobbying durchgesetzt werden sollen:
1. im Wirtschaftsbereich und in der Arbeitswelt
2. im Sozialbereich
3. im Bereich der Freizeit und Erholung
4. im Bereich von Religion, Kultur und Wissenschaft
5. im gesellschaftspolitischen Querschnittsbereichcite-ref-31[31]
Organisationen und Agenturen
Laut Lobbycontrol agierten im Jahr 2015 alleine in BrĂźssels Mitte in der unmittelbaren Nähe von zentralen EU-Institutionen Ăźber 40 groĂe Einflussnehmer: Wirtschaftsverbände (V), Agenturen (A) bzw. Direktvertretungen von GroĂkonzernen (K):cite-ref-32[32]
| Name | Typ | Branche |
|---|---|---|
| European Financial Services Roundtable | (?) | |
| City of London | (?) | |
| United States Chamber of Commerce | (?) | Handelspolitik |
| BP | (K) | Ăl, Energie |
| Shell | (K) | Ăl , Energie |
| Aquafed The international Federation of Private Water Operators [ 33 ] | (V) | Wasserversorgung , Wasserprivatisierung |
| Lisbon Council | (?) | Wirtschaftspolitik, Handelspolitik |
| FIPRA | (?) | |
| White & Case | (A) | Diverse |
| IETA | (?) | |
| AmCham EU | (V) | Diverse |
| FoodDrinkEurope | (V) | Nahrungsmittel |
| FEFAC | (?) | |
| European Training Institute (Teil der ESL&Network Holding) [ 34 ] | (A) | Diverse |
| Daimler | (K) | Automobile |
| Businesseurope | (V) | Handelspolitik, Diverse |
| European Services Forum | (?) | |
| BASF | (K) | Chemie |
| Gplus | (?) | |
| ECIPE (European Centre for International Political Economy) [ 35 ] | (?) | Handelspolitik |
| Foratom | (V) | Atomenergie |
| Interel Cabinet Stewart [ 36 ] | (A) | Diverse |
| European Seed Association | (V) | Saatgut |
| Burson-Marsteller | (A) | Diverse |
| Fleishman-Hillard | (A) | Diverse |
| International Swaps and Derivatives Association | (V) | Finanzmarkt |
| Edelman The Centre [ 37 ] | (A) | Diverse |
| Deutsche Bank | (K) | Banken |
| Bank of New York Mellon | (K) | Banken |
| APCO Worldwide [ 38 ] | (A) | Diverse |
| Hill & Knowlton | (A) | |
| Europäischer Bankenverband | (V) | |
| European Parliamentary Financial Services Forum | (?) | |
| Unilever | (K) | Chemie, Nahrungsmittel |
| Cabinet DN | (?) | |
| Bayerische Landesvertretung | (?) | |
| Bertelsmann | (K) | Medien |
| Facebook | (K) | Internet, Werbung |
| Alber & Geiger | (A) | Diverse |
âNeutraleâ Verhandlungsorte abseits der EU-Institutionen befinden sich unter anderem in folgenden Gebäuden:
Siehe auch
: Kategorie:Interessenverband, Kategorie:Lobbyorganisation (Europa) und Kategorie:Lobbyorganisation (Deutschland)
Siehe auch
: Kategorie:Lobbyorganisation (Vereinigte Staaten)
Ăffentliche Wahrnehmung
Im Jahr 2006 fßhrten Thomas Leif und Rudolf Speth in Analogie zur Bezeichnung Vierte Gewalt fßr die Massenmedien den Begriff Fßnfte Gewalt fßr den Lobbyismus ein.cite-ref-39[39] Anders als die institutionalisierten Gewaltenträger unterliegen Interessenvertreter jedoch keinen klaren gesetzlichen Regelungen. Die Bezeichnung als Fßnfte Gewalt wurde jedoch von anderen Autoren als ßbertrieben angesehen.cite-ref-40[40]
Lobbyismus kann bis hin zur Korruption und damit unerlaubten Einflussnahme auf Institutionen und die Gesetzgebung fĂźhren. Eine Form sind von Lobbygruppen organisierte sogenannte âInformationsveranstaltungenâ fĂźr Parlamentarier und Beamte, die mit kostenloser VerkĂśstigung und bisweilen Reisen der Eingeladenen verbunden sind. Besonders in BrĂźssel, aber auch in Berlin ist dies keine Seltenheit. Dabei wird das Ziel verfolgt, die Volksvertreter fĂźr seine eigenen Interessen zu gewinnen.
Es gibt nachgewiesene Fälle, in denen Gelder und Leistungen flossen, um von einzelnen Parlamentariern bestimmte Abstimmungsverhalten zu erhalten. Das AusmaĂ dieser Korruption lässt sich jedoch nicht feststellen. Deshalb gibt es BemĂźhungen auf allen Ebenen des Ăffentlichen Dienstes, diese Art von Korruption zu verhindern. So sind zum Beispiel die Mitglieder der EU-Kommission dazu verpflichtet, Geschenke ab einem Wert von 150 Euro anzugeben. Die Liste dieser Geschenke ist auf der Website der EU-Kommission einzusehen. Die Annahme von Belohnungen und Geschenken ist den AngehĂśrigen des Ăffentlichen Dienstes in Bund und Ländern verboten; fĂźr Ausnahmen gilt eine 25-Euro-Grenze.cite-ref-41[41]
Lobbyismus steht folglich immer im Spannungsfeld zwischen einer legitimen Interessenvertretung und mĂśglichen Gefährdung demokratischer Grundprinzipien. Aufgrund der komplexen Wirtschaftsstrukturen und Themenfelder, die den Gesetzgeber vielfach in seinen BewertungsmĂśglichkeiten Ăźberfordern, haben Lobbygruppen dennoch eine wichtige Funktion, insbesondere durch die Bereitstellung von Informationen. Die am Gesetzgebungsprozess Beteiligten in Europa suchen daher â wie schon seit langer Zeit in den USA â offen das Gespräch mit Wirtschaftsvertretern, Verbänden und Lobbyisten, um sich vor einer Entscheidung umfassend Ăźber die wirtschaftlichen und rechtlichen Aspekte eines Vorhabens zu informieren.
Im Gegensatz zum amerikanischen System wird in Deutschland der Begriff Lobbyismus häufig negativ konnotiert wahrgenommen. In der Ăśffentlichen Meinung wird die Politik häufiger als Opfer von (Interessen-)Verbänden und Lobbyisten wahrgenommen. Politisch links orientierte Personen bewerten den Einfluss von Lobbyisten häufig als âHerrschaft des Kapitalsâcite-ref-42[42], während im politisch konservativen Lager man der Ansicht ist, Lobbyisten wĂźrden die Autorität der Regierung untergraben oder sogar kolonisieren.cite-ref-43[43] Das liegt in besonderem MaĂ am Konsensverständnis, welches die deutsche Politik stark prägt. Gute Politik wird in Deutschland als das Erreichen eines weitgehend tragbaren und fair empfundenen Kompromisses zwischen verschiedenen politischen Positionen empfunden. Verbände, die ihre eigenen teilweise sehr speziellen Ziele und Interessen in der Politik vehement verwirklicht sehen wollen, werden daher als Gefahrenpotenzial fĂźr die Konsensfindung wahrgenommen.cite-ref-44[44]
In Deutschland sind ßberdurchschnittlich viele Bßrger Mitglieder in Vereinen, Gewerkschaften, NGOs, Clubs, Glaubensgemeinschaften und anderen Interessensgruppen. Dabei sind sie häufig Mitglied in mehreren Interessengruppen.cite-ref-45[45] Von diesen wird erwartet, dass sie die Interessen ihrer Mitglieder in allen Bereichen vertreten und dafßr Lobbyarbeit betreiben. Dass dennoch die allgemeine Üffentliche Wahrnehmung von Lobbyismus kritisch und meist negativ ist, kann an Meldungen liegen, wonach die Interessen der Mitglieder gar nicht erfasst oder manipuliert werden und so die Positionen der Lobbyverbandsspitze keine Basis haben. Beispielhaft sei hier die Kritik am ADAC.cite-ref-46[46]
Vorgang
Lobbying ist eine Methode der Einwirkung auf Entscheidungsträger und Entscheidungsprozesse im Rahmen einer Strategie. Sie erfolgt vor allem durch Information. Es wird häufig durch vier Merkmale umschrieben:
⢠Informationsbeschaffung,
⢠Informationsaustausch,
⢠Einflussnahme,
⢠strategische Ausrichtung der Tätigkeit.
Informationsbeschaffung
Interessenvertreter sammeln zur Gewinnung von Erkenntnissen ßber Vorhaben politischer Entscheidungsträger Informationen. Die Verbandszentrale und die Verbandsmitglieder werden entsprechend unterrichtet und werten die Informationen aus. Die Auswertung erfolgt im Hinblick auf die Auswirkungen des Vorhabens auf die Geschäftstätigkeit der Mitglieder des Verbandes. Dabei empfiehlt es sich fßr eine wirksame Interessenvertretung nicht nur Informationen aus Üffentlich zugänglichen Quellen zu beschaffen, sondern auch durch eine interessengeleitete Beziehungspflege mit Entscheidungsträgern und anderen Lobbyisten frßhzeitig auf informellem Wege an Informationen zu gelangen.
Sodann werden Stellungnahmen (âLobbypapiereâ) und Abänderungsvorschläge, meistens durch die Rechtsabteilung oder sonstige Fachabteilungen, erarbeitet.
Einflussnahme
Aufgabe des Lobbyisten ist es anschlieĂend, diese Abänderungsvorschläge an die Entscheidungsträger heranzutragen und in den maĂgeblichen Gremien zu platzieren (Politikberatung). Die Platzierung erfolgt im rechtmäĂigen Lobbying durch argumentatives Einwirken auf die Entscheidungsträger. Das argumentative Einwirken ist erfolgreich, wenn Abgeordnete und Beamte bei den schwierigen Sachverhalten, Ăźber die sie in dichter Abfolge Entscheidungen treffen mĂźssen, auf Fachwissen angewiesen sind, das ihnen von den Betroffenen und den interessierten Kreisen (Stakeholder), oftmals selektiv aufbereitet, angetragen wird. Bei Beamten kann hinzukommen, dass den Lobbyisten oder Beratungsfirmen mehr vertraut wird als ihrer hauseigenen Fachexpertise. Je besser AbgeordnetenbĂźros mit wissenschaftlichen Mitarbeitern, Parlamente mit eigenen wissenschaftlichen Diensten oder BehĂśrden mit Fachbeamten ausgestattet sind, desto schwieriger ist es fĂźr Lobbyisten sich unentbehrlich zu machen. In den meisten Staaten sind Bestechung und das Gewähren anderer Vorteile verboten. Es kommt dennoch häufig vor, dass hochrangige Entscheidungsträger aus Politik oder Exekutive (beispielsweise Ministerien) âdie Fronten wechselnâ, also ihre bisherige Stellung aufgeben und zu einem Verband, einem Unternehmen, einer PR-Agentur oder in eine Anwaltskanzlei wechseln.
Ein anderes Feld der Einflussnahme besteht in der geschickten Platzierung von branchengeneigten Sachverständigen in Üffentlichen AnhÜrungen, in Beratungsfirmen oder deren Nutzung bei der Anfertigung von Gutachten.
Ăffentlichkeitsarbeit
Im Rahmen der Ăffentlichkeitsarbeit versuchen Lobbyisten die Ăśffentliche Meinung Ăźber die Medien zu beeinflussen. Zu den genutzten Methoden gehĂśren das Herausgeben von Presseerklärungen und Anzeigekampagnen, bei der die Urheberschaft meist Ăśffentlich wird, aber auch Methoden, bei der die Urheberschaft teilweise verschleiert werden soll. FĂźr das Fernsehen werden Träger der eigenen Meinung als Gäste in Podiumsdiskussionen, Talkshows oder als Interviewpartner vermittelt, auch wurden versteckte Botschaften in einer ARD-Seifenoper finanziert.cite-ref-lobbypediainsm-47-0[47]
Fßr die Beeinflussung ßber Printmedien werden diesen ganze Interviews ßberlassen, Medienpartnerschaften mit Zeitungen geknßpft, sowie Fachartikel und Rankings fßr Zeitschriften verfasst.cite-ref-angriffderschleichwerber-48-0[48]cite-ref-lobbypediainsm-47-1[47] Journalisten werden Vergßnstigungen geboten, ßber Autos berichtenden Journalisten werden diese vereinzelt längerfristig ßberlassen, Hintergrundgespräche und Informationsveranstaltungen werden teilweise in Verbindung mit Luxusveranstaltungen organisiert.cite-ref-49[49]
Wenn bei PR-Aktionen vorgetäuscht wird, dass sie von Privatleuten getragene wären, spricht man von Astroturfing. Darunter fällt das Verfassen von Leserbriefen, Foreneinträgen und Blogs, aber ebenso Versuche, Aussagen in Wikipedia-Artikel zu platzieren oder zu verhindern oder die GrĂźndung von âBĂźrgerinitiativenâ.cite-ref-50[50]
Interessensverbände betreuen in HauptstadtbĂźros Besuchergruppen und laden zu Veranstaltungen ein. Der Lobbyverband versucht allgemein âdas Fensterâ seiner Branche in der Hauptstadt zu sein und diese zu repräsentieren.
In einzelnen Ländern
Deutschland
Rechtliche Rahmenbedingungen
Die Freiheit des Mandats wird in Deutschland durch Art. 38 Abs. 1 Satz 2 Grundgesetz (GG) garantiert.
Bereits 1956 hat das Bundesverfassungsgericht im sog. KPD-Urteil entschieden, dass sich ânicht bezweifeln [lässt], dass auĂerparlamentarische Aktionen vielfältiger Art denkbar sind, die einer legitimen Einwirkung auf das Parlament dienen kĂśnnen, vor allem soweit sie dazu bestimmt sind, die Abgeordneten Ăźber die bei den Wählern zu bestimmten politischen Fragen vorhandenen Meinungen zu unterrichten. An sich ist es daher verfassungsrechtlich nicht zu beanstanden, dass âInteressengruppenâ auf die Mitglieder des Parlaments einwirken suchenâ.cite-ref-52[52]
In der 16. Wahlperiode des Deutschen Bundestages (2005â2009) gab es mehrere parlamentarische Initiativen zugunsten einer verbesserten Transparenz des Miteinanders von Politik und Interessenvertretern. In ihren Programmen zur Bundestagswahl 2009 hatten die SPD, BĂźndnis 90/Die GrĂźnen und die Partei Die Linke schlieĂlich die Forderung nach Einrichtung eines verpflichtenden Lobbyregisters aufgenommen.cite-ref-53[53]
Im Februar 2016 verfĂźgte der Ăltestenrat des Bundestages, dass Unternehmensvertreter in Zukunft keine Hausausweise mehr bekommen.cite-ref-balser-54-0[54]
Zum 1. Januar 2022 traten in Deutschland das Gesetz zur EinfĂźhrung eines Lobbyregisters fĂźr die Interessenvertretung gegenĂźber dem Deutschen Bundestag und gegenĂźber der Bundesregierung und ein Verhaltenskodex in Kraft.cite-ref-55[55] Diese von der GroĂen Koalition beschlossenen MaĂnahmen wurden vielfach als ungenĂźgend kritisiert, unter anderem von der Opposition und vom Europarat.cite-ref-56[56]
Der Bundestag debattierte am Freitag, 23. Juni 2023, erstmals Ăźber einen Gesetzentwurf zur Ănderung des Lobbyregistergesetzes (20/7346), den die Fraktionen SPD, BĂźndnis 90/Die GrĂźnen und FDP vorgelegt hatten. Mit den Ănderungen, die am 1. Januar 2024 in Kraft trat, wollten die Koalitionsfraktionen den Anwendungsbereich und die Offenlegungspflichten im Lobbyregistergesetz âim Interesse einer transparenten Staatstätigkeitâ nachschärfen.cite-ref-57[57]
Erfassung und Statistik
Der Präsident des Deutschen Bundestages fĂźhrte 1972â2021 die Ăffentliche Liste Ăźber die Registrierung von Verbänden und deren Vertretern. Die Anzahl der Einträge schwankte, im Juni 2010 waren 2136 Verbände registriert, im Juli 2012 2079, im Dezember 2014 2221.cite-ref-sued240115-58-0[58] Aufgrund der Freiwilligkeit und einer engen Definition von âVerbandâ bildete die Liste nicht das ganze Spektrum des Lobbyismus im Bundestag ab.
Von 2221 Lobbygruppen Ende 2014 hatten 575 einen Hausausweis mit Zugang zum Bundestag. Noch einmal ebenso viele Hausausweise verschafften sich bisher unbekannte Lobbyisten von den Geschäftsfßhrern der Bundestagsfraktionen in einem zuvor geheim gehaltenen Prozess.cite-ref-sued240115-58-1[58] Nach langen juristischen Auseinandersetzungen verÜffentlichte die Bundestagsverwaltung im Herbst 2015 die Zahl und Namen dieser Lobbyisten, die durch die Fraktionen an Hausausweise gelangt waren: 1111 Vertreter von Verbänden, Unternehmen, Anwaltskanzleien oder Agenturen.cite-ref-balser-54-1[54]
2017 standen den 630 Bundestagsabgeordneten 706 Lobbyisten mit Bundestagsausweis gegenĂźber.cite-ref-59[59]
Groben Schätzungen zufolge gibt es in Berlin 5000 Lobbyisten, statistisch fĂźr jeden Abgeordneten acht.cite-ref-balser-54-2[54] Einer Erhebung der BĂźrgerbewegung Finanzwende zufolge umfasst allein die Lobby der Finanzbranche (Banken, Versicherungen, Fonds) Ăźber 1500 Mitarbeiter mit einem Budget von mindestens 200 Millionen Euro jährlich.cite-ref-60[60] Als eines der wirkmächtigsten Netzwerke gilt âDas Collegiumâ, welches mit Stand 2015 Lobbyisten von insgesamt 46 internationalen Unternehmen und Verbänden in Berlin vertritt.cite-ref-61[61]
Rezeption
Eine besondere Form des Lobbyismus âim Dunstkreis der Korruptionâ (Hans Herbert von Arnim) wurde im Jahr 2006 Ăśffentlich bekannt: Personen aus der Privatwirtschaft, aus Verbänden und Interessengruppen, die weiterhin Angestellte ihres eigentlichen Arbeitgebers bleiben und von diesem bezahlt werden, arbeiten zeitweilig als externe Mitarbeiter in deutschen Bundesministerien.cite-ref-62[62]cite-ref-63[63]cite-ref-64[64] Nach Darstellung der Bundesregierung sei eine politische Einflussnahme auf Entscheidungen der Ministerien jedoch ausgeschlossen.cite-ref-65[65]
Die von Wirtschaftsverbänden bereitgestellten Lehrmaterialien im Unterrichtsfach Wirtschaft stehen in der Kritik, oft âwissenschaftlich und politisch tendenziĂśsâ zu sein.cite-ref-66[66]
In der Bundesrepublik gelten die Pharmaindustrie und die Energiewirtschaft als Branchen mit besonders groĂer Lobbymacht.cite-ref-67[67]
Die Energiewirtschaft, insbesondere die vier groĂen Energiekonzerne in Deutschland (RWE, E.ON, EnBW und Vattenfall), musste im Jahre 2000 mit der âVereinbarung zwischen Bundesregierung und den Energieversorgungsunternehmenâ (Atomkonsens) zwar zunächst den ersten Ausstieg aus der Kernenergie unter der rot-grĂźnen Regierung von Gerhard SchrĂśder akzeptieren.cite-ref-68[68] Danach arbeitete sie mit Hilfe ihrer Lobbyorganisationen, wie z. B. dem Deutschen Atomforum (DAtF) und der Kerntechnischen Gesellschaft (KTG), und unterstĂźtzt von KernkraftbefĂźrwortern aus der Politik auf eine Revision des âAtomkonsensesâ hin. Die Atomlobby versuchte, im Vorfeld der Bundestagswahl 2009 einen Meinungsumschwung zu erreichen; im Herbst 2010 konnte sie nach umfangreichen Medienkampagnen die Laufzeitverlängerung deutscher Kernkraftwerke durchsetzen.cite-ref-69[69] Auch Anfang 2013 gab es noch Anstrengungen fĂźr einen Meinungsumschwung.cite-ref-70[70]
In Diskussionen wie um Kern- und Solarenergie,cite-ref-71[71] Biotechnologie, Urheberrecht/TauschbĂśrsen, Softwarepatente oder um Verbraucherschutz wird kritisiert, dass Industrie und GroĂkonzerne Ăźber massive Lobbyarbeit Gesetze auf Bundes- oder EU-Ebene durchsetzen kĂśnnen, die in ihrem Interesse, nicht aber im Interesse des Mittelstandes oder der Verbraucher seien.cite-ref-72[72] Derselbe Vorwurf richtet sich analog gegen manche Umweltverbände, Sozialverbände und Kirchen, die ebenfalls â im Deckmantel von Allgemeininteresse â Partikularinteressen vertreten. Der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichts Hans-JĂźrgen Papier sprach 2016 die Warnung aus, dass âechte Waffengleichheit der verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen bei der Wahrnehmung ihrer Interessen mittels Lobbyingâ kaum entstehen kĂśnne und schwächer vertretene Interessen nicht zur Geltung kämen.cite-ref-balser-54-3[54] Der damalige Bundestagspräsident Norbert Lammert beklagte ebenfalls 2016 den beachtlichen und in zunehmendem Umfang glänzend organisierten Einfluss durch die Lobby der Finanzbranche.cite-ref-balser-54-4[54]
Der ehemalige grĂźne Abgeordnete Raimund Kamm beschrieb die Situation so:
âSobald jemand zum Abgeordneten oder dann auch zum Minister gewählt wird, ändern sich fundamental seine Kommunikation und seine Gesprächspartner. Auch âArbeitervertreterâ oder GrĂźne werden dann von IHK, Unternehmern und anderen einseitig Interessierten eingeladen und hofiert. Ein immer grĂśĂerer Teil der Gespräche von gewählten Politikern erfolgt mit professionellen Lobbyvertretern. Dies schmeichelt auch dem jungen, unerfahrenen Volksvertreter.â
â
Raimund Kamm
2017 wurden unter anderem die Skandale um Dieselgate und Cum-ex mit Milliardenverlusten fĂźr den Staat zu einem wesentlichen Teil auf die Einflussnahme von Lobbyisten zurĂźckgefĂźhrt. Aktivisten von LobbyControl folgerten aus den Entwicklungen, dass die BemĂźhungen, verbindliche Regelungen fĂźr Lobbyisten in Deutschland zu erreichen, unter dem Kabinett Merkel III zum Stillstand gekommen sind.cite-ref-74[74]
Im Zuge des Wirecard-Insolvenz im Jahr 2020 kam heraus, dass ranghohe ehemalige Politiker der CDU fĂźr den Finanzdienstleister Lobbying betrieben haben, unter anderem der ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor Guttenberg.cite-ref-75[75]
Siehe auch
:
Mitglied des Deutschen Bundestages #Lobbyismus und Nebentätigkeiten
Ăsterreich
Der politische Interessenausgleich wird in der Zweiten Republik (seit 1945) vor allem auf Ebene der Sozialpartner geleistet. Daher sind die Arbeiter-, Wirtschafts- und Landwirtschaftskammern auf Bundes- und Landesebene (die Interessenvertretungen der Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Bauern mit Pflichtmitgliedschaft) und der Gewerkschaftsbund die dominierenden Interessenvertretungen; ihre Macht hat wesentliche Bedeutung fĂźr den Parlamentarismus Ăsterreichs. Entscheidungen wurden und werden parallel auf den Ebenen der Sozialpartner, der Bundes- und Landesregierungen und der gesetzgebenden KĂśrperschaften abgestimmt. AusgelĂśst durch den EU-Beitritt Ăsterreichs, wesentliche Liberalisierungs- und Privatisierungsschritte und die EU-Erweiterung ändern sich jedoch die Anforderungen an Unternehmen und deren Management.
Die Ăsterreichische Public Affairs-Vereinigung (ĂPAV) (vormals Ăsterreichischer Public Affairs Verband) wurde im September 2011 als Vereinigung von Public-Affairs-Managern in Agenturen, Unternehmen, Verbänden und NGOs gegrĂźndet. Die ĂPAV hat sich zur GrĂźndung einen strengen Verhaltenskodex gegeben und sieht sich als Sprachrohr der gesamten Public Affairs-Branche in Ăsterreich. Bereits mit der GrĂźndung wurde die ĂPAV zum grĂśĂten derartigen Verband im Land.
ALPAC (Austrian Lobbying and Public Affairs Council) ist die einflussreiche Vereinigung der EigentĂźmer von Lobbying- und Politikberatungsunternehmen in Ăsterreich. Voraussetzung fĂźr eine Mitgliedschaft in diesem exklusiven Kreis ist langjährige Erfahrung als Politiker, Politikberater, Innenpolitikredakteur, Interessenvertreter oder Diplomat.
Siehe auch
:
Lobbygesetz
Schweiz
Die Schweiz kennt verschiedene stark institutionalisierte Formen des politischen Interessenausgleichs. Dazu zählen die Sozialpartnerschaft, das Vernehmlassungsverfahren und die Expertenkommissionen. Zudem erfolgt die Einsitznahme von Interessenvertretern im Parlament weitgehend ungehindert (heute allerdings unter Publikations-Pflicht); sie wurde vormals von den Bauern, heute namentlich von Organisationen der Wirtschaft und des Gesundheitswesens genutzt.
Regierungsmitglieder mßssen ihre Interessenbindungencite-ref-76[76]cite-ref-77[77] und Nebenerwerbe auf nationaler Ebene auflÜsen (beispielsweise nach den Unvereinbarkeits-Vorschriften fßr Bundesrats-Mitglieder in Art. 144 Bundesverfassung), während sie auf kantonaler Ebene teilweise wegen des Milizsystems ausdrßcklich zugelassen sind.
In den 1980er-Jahren ist namentlich in den Massenmedien und in der Wissenschaft eine kritische Diskussion Ăźber institutionalisierte Interessenvertretung entstanden, die zu verschiedenen, eher bescheidenen Reformen gefĂźhrt hat. Jedes Parlamentsmitglied hat die MĂśglichkeit, zwei Personen zu bezeichnen, die einen privilegierten Zugang zur Wandelhalle (Lobby) des Parlamentes haben.cite-ref-k-hni-78-0[78] In einer Untersuchung der Gästelisten von 2004 bis 2011 wurde festgestellt, dass eine Kerngruppe von ca. 220 Lobbyisten regelmäĂig anzutreffen sind.cite-ref-k-hni-78-1[78] Die Gesamtzahl ist noch viel hĂśher, da Ex-Parlamentarier freien Zugang zur Wandelhalle haben und keinen Gästeausweis benĂśtigen.cite-ref-79[79] Die von den Parlamentariern empfangenen Gäste sollen in Zukunft von den Ratsmitgliedern begleitet werden, womit der Zugang ein wenig eingeschränkt und die Kontrolle erhĂśht werden sollte.cite-ref-80[80]
Nachdem 2016 ein vertrauliches Strategiepapier einer PR-Agentur Ăśffentlich wurde, zeigten die Schweizer Medien vermehrt die Rolle dieser Art Lobbyisten auf, welche oft verdeckt arbeiten.cite-ref-81[81]
Ein 2019 gewählter Nationalrat berichtete in einer Reihe von Blogbeiträgen detailliert, auf welche Art und Weisen ihn Lobbygruppen zu beeinflussen versuchten.cite-ref-82[82] Dabei zählte er nicht nur die Einladungen zu Veranstaltungen, sondern z. B. auch dass er vor einer Session 46 Schreiben erhielt auf eine bestimmte Weise abzustimmen.cite-ref-83[83]
Siehe auch
: Kategorie:Lobbyorganisation (Schweiz)
Siehe auch
:
Transparenz in der Politik (Schweiz)#Transparenz des Lobbyismus
Situation in der Europäischen Union
EU
Die Gesetzgebung in den Mitgliedstaaten lässt sich von jener in der Europäischen Union nicht trennen. Vielfach besteht â wie beim Rat der EU in BrĂźssel â Personenidentität mit mitgliedstaatlichen Regierungsmitgliedern. Weiterhin bedĂźrfen europäische Richtlinien der anschlieĂenden Umsetzung in nationales Recht. Die europäische Argumentation lässt sich meist nahtlos in nationalen Gremien fortsetzen.
Die Heterogenität der wirtschaftlichen Interessen potenziert sich auf europäischer Ebene. Die BrĂźsseler Gesetzgebung hat Einfluss auf 27 Mitgliedstaaten (Stand 2022). Neben BedĂźrfnissen einzelner Unternehmen oder Branchen sind hier oftmals zusätzlich spezifische nationale Marktsituationen, Unternehmensphilosophien und Interessen zu berĂźcksichtigen. Die Anzahl der zu Vertretenden und das Spektrum der Divergenz nehmen zu. Die von den Verbänden wahrzunehmenden Interessen sind also noch breiter und vielschichtiger als auf nationaler Ebene. Gleichzeitig vollzieht sich die Einflussnahme auf europäische Gesetzgebungsakte parallel auf nationalstaatlicher wie auf europäischer Ebene in sehr unterschiedlichen Formen. In empirischen Untersuchungen ist das System der EU-Interessenvermittlung mit der Metapher des âMosaiksâ beschrieben worden, âdas durch die parallele Existenz und Persistenz unterschiedlicher Struktureigenschaften gekennzeichnet istâ.cite-ref-84[84]
Unter Umständen kann es fĂźr das jeweilige Unternehmen daher hilfreich sein, wenn es ergänzend zum indirekten Lobbying Ăźber den Branchenverband sein individuelles Anliegen direkt an den entscheidenden Stellen vorbringt. Die Dependancen der Unternehmen sind in BrĂźssel â ebenso wie in den Mitgliedstaaten â zumeist personell gering besetzt oder dienen als BrĂźckenkopf und verlängerter Arm, nicht jedoch als operative Einheit. Mittelständische Unternehmen verfĂźgen selten Ăźber entsprechende Dependancen. Bei den Unternehmensrepräsentanzen fehlt es folglich häufig am nĂśtigen Personal, um umfangreiche âZeitgeistinitiativenâ des Gesetzgebers wie zum Beispiel das Tabakwerbeverbot auf europäischer Ebene oder das angesprochene Dosenpfand auf nationaler Ebene abfedern zu kĂśnnen. Aus diesem Grund schalten Unternehmen zunehmend auch Berater bei der Interessenvertretung ein. Nach US-amerikanischem Vorbild sind daher nun auch internationale GroĂkanzleien und Lobbyingfirmen in dem Sektor auf dem Vormarsch, indem sie â meist mit Hilfe von Ex-Politikern und spezialisierten Anwälten in ihren Reihen â ausländische Unternehmen an den deutschen bzw. den Ăśsterreichischen oder europäischen Markt heranfĂźhren oder deutschen bzw. Ăśsterreichischen Unternehmen in den politischen Gremien GehĂśr verschaffen.
Auf Grund der im Vergleich zu Parlamenten der Mitgliedstaaten schlechten wissenschaftlichen Unterstßtzung nutzen Abgeordnete des Europäischen Parlamentes Lobbyisten auch wegen ihres Detailwissens. Das Risiko, dass ßbermittelte Informationen unvollständig oder parteiisch selektiert sind, wird dadurch gemindert, dass die EU-Organe eine Vielzahl von Lobbyisten unterschiedlicher Interessengruppen anhÜren. Dennoch wird das Lobbying auch von kritischer Seite nicht grundsätzlich abgelehnt.cite-ref-85[85]
Abgeordnete werden oft durch Lobbyorganisationen mit Gratisangeboten 'angefßttert'. Laut Analysen des Üsterreichischen Europaabgeordneten Hans-Peter Martin kann der Gegenwert von durch Lobbyisten erteilte Angebote wie Reisen, Abendessen oder Cocktailempfänge pro Woche bis zu 10.000 ⏠erreichen.cite-ref-86[86]
Siehe auch
:
Europäische Interessenvertretung
Transparenz und Register
Auf EU-Ebene wird eine stärkere Regulierung der Lobby-Arbeit diskutiert. Die EU-Kommission hat im Juni 2008 ein (vorerst) freiwilliges Registercite-ref-87[87] von Lobbyisten eingerichtet.cite-ref-88[88] Darin sollen Firmen und Verbände Einkßnfte durch und Ausgaben fßr Lobby-Arbeit offenlegen. Das Europäische Parlament hat sich hingegen im Mai 2008 dafßr ausgesprochen, ein allgemeines Pflicht-Register fßr EU-Lobbyisten einzufßhren, ähnlich wie es in den USA existiert.cite-ref-89[89] Bislang widersetzt sich die EU-Kommission einem verpflichtenden Lobbyregister jedoch.cite-ref-90[90]cite-ref-91[91]
Es gibt daher bis heute keine Registrierungspflicht. Vielmehr gibt es ein Anreizsystem zur Registrierung. Im Europäischen Parlament wird ihnen mittels eines Ausweises Zugang zum Gebäude gewährt. Dies ist dem § 9 der Geschäftsordnung zu entnehmen. Im Oktober 2007 waren beim Europäischen Parlament 4570 Personen als Interessenvertreter registriert;cite-ref-92[92] damit verbunden war ein erleichterter Zugang zu den Parlamentsgebäuden.
Im Rahmen der 2005 von Kommissar und Vizepräsident Siim Kallas ins Leben gerufenen Transparenz-Initiative verĂśffentlicht die Kommission am 23. Juni 2008 ein freiwilliges Internetregister fĂźr Lobbyisten. Sie sind dazu aufgerufen, sich zu registrieren und damit ihre Interessen, Kunden und Finanzen auszuweisen. Gleichzeitig mit der Registrierung unterschreiben sie einen Verhaltenskodex, der zusammen mit den Interessengruppen ausgearbeitet wurde. Ein geplanter Kontrollmechanismus soll die Angaben ĂźberprĂźfen. Die EinfĂźhrung ist aber nur ein Etappenziel: Langfristig ist geplant, ein einziges Register gemeinsam mit dem EU-Parlament zu schaffen. Das Parlament wĂźrde dann nur eingetragene Lobbyisten in das Gebäude lassen. Faktisch wäre das bislang freiwillige Register dann Pflicht â auch ohne Gesetz. 2008 fĂźhrte die EU ein Lobby-Register ein.cite-ref-93[93]
Das gemeinsame Register der Interessenvertreter beim Europäischen Parlament und der Europäischen Kommission (Transparenz-Register) ist am 23. Juni 2011 in Betrieb genommen worden.cite-ref-94[94] Alle Organisationen, Firmen und Selbständige, die Tätigkeiten mit dem Ziel direkter oder indirekter Einflussnahme auf politische Entscheidungsprozesse oder Entscheidungen der EU-Institutionen ausĂźben, sind dazu aufgerufen, sich zu registrieren. Die Registrierung im Transparenzregister setzt die Offenlegung des jährlichen Gesamtumsatzes aus der Lobbyarbeit, optional auch nur die Angabe einer UmsatzgrĂśĂenklasse (z. B. >=100.000 â <150.000 âŹ) sowie den relativen Anteil namentlich genannter Klienten/Kunden an diesem Umsatz, optional ebenfalls der UmsatzgrĂśĂenklasse (z. B. Firma XY <50.000) voraus (zu Details vgl. die Leitlinien zu den finanziellen Angabencite-ref-95[95]). Die Pflicht zur umfassenden und wahrheitsgemäĂen Angabe dieser Informationen ergibt sich aus einem Verhaltenskodex,cite-ref-96[96] dem sich die Interessenvertreter bei Eintragung in das Register unterwerfen mĂźssen. Eine Verpflichtung zur Eintragung gibt es jedoch nicht, was von vielen Seiten kritisiert wird.cite-ref-97[97] 2014 wurde geschätzt, dass in BrĂźssel 15.000 bis 25.000 Lobbyisten arbeiten.cite-ref-98[98] 2024 listet Statista Ăźber 12.000 Organisationen im Europäischen Transparenzregister der EU.cite-ref-99[99]
Am 25. November 2014 fasste die Europäische Kommission den Entschluss mit Hilfe einer neuen Transparenzinitiative das Geschehen innerhalb der EU-Kommission noch transparenter werden zu lassen. So sind alle Kommissare, deren Mitarbeiter und Generaldirektoren der einzelnen Abteilungen der Kommission seit Dezember 2014 dazu verpflichtet, Treffen mit Interessenvertretern und Lobbyisten Üffentlich zu machen.cite-ref-100[100] Die aufgelisteten Treffen kÜnnen auf der Seite der Europäischen Kommission nachgelesen werden.
Am 31. Januar 2019 verabschiedete das EU-Parlament verbindliche Regeln zur Transparenz der Lobbyarbeit. In einer Ănderung seiner Geschäftsordnung bestimmte das Parlament, dass MdEPs, die an der Ausarbeitung und Verhandlung von Gesetzen beteiligt sind, ihre Sitzungen mit Lobbyisten online verĂśffentlichen mĂźssen.cite-ref-101[101]cite-ref-102[102]
Vertrag von Lissabon
Seit Inkrafttreten des Vertrags von Lissabon wird europäischer Lobbyismus vermehrt in Zusammenhang mit Partizipativer Demokratie gebracht. So verweist Art. 11 EU-Vertrag ausdrßcklich auf repräsentative Verbände hin. Dass hierunter auch Unternehmen gemeint sein kÜnnten, zeigt in der Praxis das EU-Nebenorgan Europäischer Wirtschafts- und Sozialausschuss.cite-ref-103[103]
Fallbeispiele
Kirchen
Die Kirchenlobby in Deutschland ist formal organisiert Ăźber die BĂźros (siehe Evangelisches BĂźro, Katholisches BĂźro) bei Bundes- und Landesregierungen. Die Leiter der BĂźros sind den Ministern protokollarisch gleichgestellt. Die Lobbyarbeit erfolgt Ăźber die formelle Beteiligung in Gesetzgebungsverfahren, aber auch durch informelle Kontakte wie Teilnahmen an Empfängen und wĂśchentlichen Dämmerschoppen. Durch die traditionell protokollarisch bevorzugte Stellung von Geistlichen aller kirchlichen Ebenen ist der Zugang zu politischen Entscheidungsträgern meist unkompliziert mĂśglich. Der Politologe Carsten Frerk wies in seinen Untersuchungen darauf hin, dass die organisierten Einflussnahmen auf staatliches Handeln keinerlei Rechtsgrundlage habe.cite-ref-104[104] Ebenso macht er deutlich, dass Kirchen Ăźber Kindergärten und andere Einrichtungen erheblichen Einfluss haben, ohne finanziell belastet zu sein. Zu diesen andere Einrichtungen zähle etwa das BischĂśfliche Hilfswerk Misereor, das den BĂźrgern als groĂe kirchliche Leistung gilt, obwohl es zu 49 Prozent aus Staatsgeldern, zu 42 Prozent aus Spenden der BĂźrger und nur zu 8 Prozent aus diĂśzesanen Mitteln finanziert wird.cite-ref-105[105] Frerk schrieb 2015 nach Analyse des kirchlichen Lobbyismus von der âKirchenrepublik Deutschland.âcite-ref-106[106]
Autoindustrie
Ein Beispiel fĂźr Lobbyismus auf EU-Ebene ist die Autolobby in BrĂźssel. Während Lobbyisten der Autohersteller etwa versuchen, den von der EU geplanten Grenzwert von 120 g CO2/km anzuheben, wirken Umweltverbände darauf hin, diesen Wert durchzusetzen.cite-ref-107[107] Nach anfänglichen Schwierigkeiten wurde im November 2013 vom EU-Parlament ein Beschluss zu strengeren Abgasnormen gefasst. Die Regelungen sehen vor, dass ab 2020 ein GroĂteil der Neuwagen den Grenzwert von 95 g/km nicht Ăźberschreiten dĂźrfen. Dieser Wert soll sich an der gesamten Flotte des Herstellers bemessen. Es mĂźssen jedoch nicht alle Autos den Grenzwert einhalten. FĂźr fĂźnf Prozent der Fahrzeuge gilt ein maximaler AusstoĂ von 130 g/km. FĂźr die Hersteller bietet sich so die MĂśglichkeit, schadstoffarme Modelle mehrfach auf ihre Klimabilanz anrechnen lassen zu kĂśnnen. Diese Sonderregelung fĂźhrt dazu, dass PS-starke Oberklasse-Modelle eines Herstellers die Vorgabe der AusstoĂgrenze erst später erfĂźllen kĂśnnen, denn Elektroautos desselben Herstellers sorgen zeitgleich fĂźr eine ausgeglichene Klimabilanz.cite-ref-108[108] Durch die neuen Grenzwerte darf der CO2-AusstoĂ einer Neuwagen-Flotte eines Herstellers ab 2020 den Durchschnittswert von 95 Gramm je Kilometer nicht Ăźberschreiten. Noch im Jahre 2012 lag der Durchschnittswert in Europa bei 136,1 g/km, in Deutschland sogar bei 141,8 g/km. Sollten die Autos ab 2020 jedoch immer noch mehr als die erlaubten 95 g/km ausstoĂen, sieht die EU-Regelung Strafzahlungen fĂźr die Hersteller vor. Die Strafzahlungen wĂźrden sich auf 95 Euro je Gramm und Fahrzeug belaufen. WĂźrde im Jahr 2020 beispielsweise der CO2-AusstoĂ aller Autos eines Herstellers bei 105 g/km liegen, mĂźsste der Erzeuger der Automobile pro verkauftem Auto eine Strafe von 950 Euro zahlen.cite-ref-spon927663-109-0[109] Neben der EU haben auch andere Länder der Welt einen CO2-Grenzwert bis 2020 festgelegt. So gilt in den USA eine Grenze von 121 g/km, ab dem Jahr 2025 dann 93 g/km, die chinesische Regierung hat sich auf einen Wert von 117 g/km geeinigt und Japan auf 105 g/km.cite-ref-spon927663-109-1[109]
Finanzwirtschaft
Ebenfalls beispielhaft fĂźr die groĂe Macht spezialisierter Branchenlobbys innerhalb des EU-Institutionennetzwerkes ist die starke Einbindung der Finanzwirtschaft in die Regulierung der Finanzmärkte. Im Zuge der Finanzkrise ab 2007 wurde in der fĂźr die Regulierung der Finanzmärkte Europäischen Union zunehmend auf ein Ungleichgewicht im Lobbying zugunsten der Finanzindustrie hingewiesen. In einer parteiĂźbergreifenden Initiative von Europaabgeordneten im Europäischen Parlament grĂźndete sich Ende Juni 2011 die Lobbyorganisation Finance Watch.cite-ref-110[110]
Die Group of 30, zu der unter anderem aktive und ehemalige Zentralbanker gehĂśren, verĂśffentlicht Empfehlungen zur Aufsicht Ăźber die groĂen internationalen Finanzinstitutionen. Es wurde kritisiert, dass die ehemaligen Zentralbanker jedoch inzwischen als Topmanager selbst bei eben diesen Finanzinstitutionen arbeiten und damit Ăźber die Regulierung ihrer eigenen Unternehmen beraten.cite-ref-111[111]cite-ref-112[112]cite-ref-113[113]
Nachdem die EU-Kommission darauf hingewiesen hatte, dass der gering besteuerte Finanzsektor im Zuge der Finanzkrise 2007 mit 4,6 Billionen Euro unterstßtzt wurde,cite-ref-114[114] beschloss 2013 der Rat der EU-Finanz- und Wirtschaftsminister von elf Staaten, darunter Frankreich, eine Finanztransaktionssteuer einzufßhren.cite-ref-115[115] Im gleichen Jahr beendete Frankreich seine Zusammenarbeit fßr eine breit angelegte Steuer nach dem Widerstand aus der Lobby der Finanzdienstleister,cite-ref-116[116] aus Sicht von Kritikern vor allem durch Goldman Sachs.cite-ref-117[117] Goldman Sachs konnte auch in Deutschland während der Legislaturperiode seit 2009 mit Abstand die meisten Kontakte mit der Bundesregierung fßr sich verbuchen.cite-ref-118[118] Kritiker machten Goldman Sachs verantwortlich fßr das Aussparen spezieller Finanztransaktionen von der geplanten Steuer, bei denen in kurzer Zeit Wertpapiere von den Beteiligten hin- und wieder zurßckwechseln.cite-ref-119[119]
Personal- und Ressourcenumfang
Demnach stellten im offiziellen Beratungsgremium der EU-Kommission Mitte der 2010er Jahre Banken die Ăźberwältigende Mehrheit der Mitglieder.cite-ref-120[120] So sollen beispielsweise die Deutsche Bank wie auch die Commerzbank jeweils Vertreter nach BrĂźssel schicken. VerbraucherschĂźtzer gibt es jedoch nur zwei, Gewerkschafter nur einen in dem vierzigkĂśpfigen Gremium.cite-ref-121[121] Abgeordnete im Europaparlament baten 2010 aus diesem Anlass bereits die âZivilgesellschaftâ um Hilfe.cite-ref-122[122]
Die Finanzwirtschaft stellte 2017 rund 1700 Lobbyisten in Brßssel, was umgerechnet vier Interessenvertretern pro EU-Beamten entspricht, die mit Finanzthemen beschäftigt waren. Die dadurch entstehenden Kosten fßr Banken, Versicherungen und VermÜgensverwalter beliefen sich auf rund 120 Millionen Euro pro Jahr. Das war 30 mal so viel, wie in Brßssel allen Gewerkschaften, Verbraucher- und Umweltorganisationen zusammen fßr ihre Lobbyarbeit zu diesem Thema zur Verfßgung stand.cite-ref-123[123]
In Berlin arbeiten ca. 1.500 Lobbyisten fßr insgesamt 295 Unternehmen und Verbände aus der Finanzbranche bei einem Gesamtmindestbudget von 200 Millionen Euro pro Jahr. Davon entfallen allein fast 62 Millionen auf den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Zu 33 Gesetzesentwßrfen, die zwischen 2014 und 2020 noch innerhalb der Ministerien erarbeitet wurden, wurden bereits zu diesem Zeitpunkt 335 einzelne Stellungnahmen aus der Finanzlobby abgegeben. Auf diese Weise gelangen Formulierungsvorschläge aus den Stellungnahmen schon in Gesetzentwßrfe, bevor diese im Bundestag beraten werden.cite-ref-124[124]
Tabakindustrie
EU
Michel Petite verlieĂ sein Amt als Vorsitzender des Ethik-Komitees der EU-Kommission auf Druck von Lobbycontrol und anderen Lobbyismusgegnern. Er soll seine Kontakte in der Kommission dafĂźr ausgenutzt haben, die Interessen der Anwaltskanzlei Clifford Chance, die Philip Morris International als Klienten hat, zu vertreten.cite-ref-125[125] Der Rechtsanwalt und Lobbyist Andreas Geiger vertritt in BrĂźssel die Interessen der Tabakindustrie und vergleicht seine Arbeit mit der eines Strafverteidigers, da er der Meinung ist, dass auch die Tabakindustrie legitime Interessen habe.cite-ref-126[126]
Schweiz
In der Schweiz ist z. B. der Präsident der Schweizerischen Vereinigung des Tabakwarenhandels Gregor Rutz (SVP) seit 2012 als Nationalrat im Parlament vertreten. Auch Ständerat Hannes Germann (SVP) und Nationalrat Alois Gmßr (Die Mitte) werden laut Lobbywatch zu der Tabaklobby gezählt.cite-ref-127[127]
Siehe auch
Literatur
Aufsätze
⢠Anda: MĂśglichkeiten und Grenzen der Politikbeeinflussung. In: Axel Sell, Alexander N. Krylov: Interaktionen zwischen Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Verlag Peter Lang, Frankfurt 2009, ISBN 978-3-631-58487-3, S. 273â278.
⢠Thomas Faust: Vom aktivierenden zum aktivierten Staat? Lobbying zwischen Korruption und Kooperation. In: Verwaltung und Management. 5/2009, S. 251â260.
⢠Tilman Hoppe: Transparenz per Gesetz? Zu einem kßnftigen Lobbyisten-Register. In: Zeitschrift fßr Rechtspolitik. 2009, 39, tilman-hoppe.de (PDF; 811 kB)
⢠Konstadinos Maras: Lobbyismus in Deutschland. In: APuZ. 3â4/2009, S. 33â38.
⢠Hans-JĂśrg Schmedes: Die im Dunkeln sieht man nicht. In: Berliner Republik. 3/2009, S. 69â71.
⢠Hans-JĂśrg Schmedes: Mehr Transparenz wagen? Zur Diskussion um ein gesetzliches Lobbyregister beim Deutschen Bundestag. In: Zeitschrift fĂźr Parlamentsfragen. 3/2009, S. 543â560.
Sammelbände und Monografien
⢠Thomas von Winter: Lobbyismus in der deutschen Politik. Ein Ăberblick. Verlag Barbara Budrich (utb), Opladen & Toronto 2024, ISBN 978-3-8252-6210-5.
⢠Stefan Schwaneck: Lobbyismus und Transparenz. Eine vergleichende Studie einer komplexen Beziehung. Schriftenreihe Vergleichende Politikwissenschaft, VS Verlag fßr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2019, ISBN 978-3-658-26898-5.
⢠Markus Balser, Uwe Ritzer: Lobbykratie. 2018, Knaur (Taschenbuch) ISBN 978-3-426-78742-7.
⢠Kim Otto, Sascha Adamek: Der gekaufte Staat. Wie Konzernvertreter in deutschen Ministerien sich ihre Gesetze selbst schreiben. Kiepenheuer & Witsch, KÜln 2008, ISBN 978-3-462-03977-1.
⢠Ralf Kleinfeld, Annette Zimmer, Ulrich Willems (Hrsg.): Lobbying. Strukturen, Akteure, Strategien. VS Verlag fßr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-8100-3961-3.
⢠JĂśrg Rieksmeier (Hrsg.): Praxisbuch: Politische Interessenvermittlung: Instrumente â Kampagnen â Lobbying. VS Verlag fĂźr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-15547-0.
⢠Thomas von Winter, Willems, Ulrich (Hrsg.): Interessenverbände in Deutschland. VS Verlag fßr Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-531-14589-1.
⢠Ulrich MĂźller, Sven Giegold, Malte Arhelger (Hrsg.): Gesteuerte Demokratie? Wie neoliberale Eliten Politik und Ăffentlichkeit beeinflussen. VSA, 2004, ISBN 3-89965-100-6.
Literatur mit Schwerpunkt Europäische Union
⢠Klemens Joos: Erfolg durch Prozesskompetenz. Paradigmenwechsel in der Interessenvertretung nach dem Vertrag von Lissabon, erschienen in: Doris Dialer; Margarethe Richter (Hrsg.): Lobbying in der Europäischen Union: Zwischen Professionalisierung und Regulierung. Springer VS 2014, ISBN 978-3-658-03220-3.
⢠Alexander Classen: Interessenvertretung in der Europäischen Union. Zur RechtmäĂigkeit politischer Einflussnahme. Springer VS, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-05410-6.
⢠Bernd HĂźttemann: Europäisches Regieren und deutsche Interessen. Demokratie, Lobbyismus und Art. 11 EUV, Erste Schlussfolgerungen aus âEBD Exklusivâ, 16. November 2010 in Berlin. In: EU-in-BRIEF. Nr. 1, 2011, ISSN 2191-8252 (online [PDF; 266 kB]).
⢠Hans-JÜrg Schmedes: Das Mosaik der Interessenvermittlung im Mehrebenensystem Europas. In: Bundeszentrale fßr politische Bildung (Hrsg.): Aus Politik und Zeitgeschichte. 19 (Lobbying und Politikberatung). Bonn 2010 (online).
⢠Andreas Geiger: Ăkonomische Aspekte des Lobbying in der EU. In: Zeitschrift fĂźr Politikberatung. Volume 2, Issue 3 (2009), S. 427.
⢠Andreas Geiger: EU-Lobbying und Demokratieprinzip. In: Europäisches Wirtschafts- und Steuerrecht. (EWS), Heft 7/2008, S. 257.
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Wiktionary: Lobbyismus
â Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Ăbersetzungen
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